Philosophie: Vom Mythos zum Logos - Anfänge westlichen Denkens


Philosophie: Vom Mythos zum Logos - Anfänge westlichen Denkens
Philosophie: Vom Mythos zum Logos - Anfänge westlichen Denkens
 
Die Entwicklung, die zum Entstehen der ersten philosophischen Entwürfe im 6. Jahrhundert v. Chr. geführt hat, wird häufig als Entwicklung »vom Mythos zum Logos« charakterisiert; dieses Schlagwort geht ursprünglich auf einen Buchtitel des Altphilologen Wilhelm Nestle von 1940 zurück. Nestle (ebenso wie viele andere Autoren) stellt die Entfaltung der griechischen Philosophie als eine Emanzipationsbewegung der Vernunft dar, die sich zusehends von den bildhaften Weltdeutungsmodellen des Mythos und seiner Verflechtung mit Kultus und Ritus ablöst.
 
Das Vorbild zu der Gegenüberstellung von Mythos und Logos scheint schon Platon im »Sophistes« geliefert zu haben; Platon legt dort einem Eleaten eine ziemlich abschätzige Kritik der vorsokratischen Philosophen in den Mund: »Wie ein Märchen kommt es mir vor, was jeder von ihnen erzählt, als wären wir Kinder: Der eine sagt, das Seiende sei dreifach, manchmal kämpfe einiges davon miteinander, dann wieder liebe es sich und es gäbe Hochzeiten, Geburten und das Großziehen der Kinder. Ein anderer wieder sagt, es gebe nur zwei Arten, Nasses und Trockenes oder Warmes und Kaltes; er gibt beides zusammen und verheiratet es. Unsere eleatische Sippschaft aber. .. stellt die Sache in ihren Geschichten so dar, als sei das, was wir alles nennen, ein eines. Gewissen ionischen oder sizilischen Musen dagegen fiel später ein, es sei am sichersten, beides zu verbinden und zu sagen, das Seiende sei sowohl vieles als auch eines, es werde durch Hass und Liebe zusammengehalten. ..«
 
Der Vorwurf, Mythologie zu betreiben, ist seit Platon und Aristoteles ein beliebtes Mittel zur Herabsetzung dessen, was die Vorläufer geleistet haben. Richtig bleibt dennoch, dass sich Philosophie in mehrfacher Hinsicht von vorphilosophischen Formen der Welterklärung unterscheiden lassen muss. Mit Platon lässt sich erstens festhalten, dass es in der Philosophie nicht darum geht, unzusammenhängende Geschichten zu erzählen, sondern Entwürfe vorzulegen, die stimmig sein und sich auf wohl überlegte Argumente stützen müssen. Zweitens lässt sich der Kritik der wichtige Gedanke entnehmen, dass abstrakte Weltprinzipien nicht anthropomorph (= in menschlicher Gestalt) gedacht werden dürfen; dass personifizierte Prinzipien »heiraten« oder »in Streit geraten« können, scheint eine leicht durchschaubare Projektion zu sein. Ein dritter Punkt in der zitierten Passage ist die Warnung vor einer beliebigen Verallgemeinerung einzelner Beobachtungen und vor der Reduktion vielfältiger Phänomene; dass man das Weltgeschehen auf die Prinzipien »Nasses und Trockenes« zurückführen könnte, ist eine These, die vernünftigerweise wenig Vertrauen verdient. Viertens deutet Platons Text auch eine Kritik an widersprüchlichen Positionen an, die sich - um sich gegen Kritik zu wappnen - in den Nebel von Dunkelheiten und Paradoxien hüllen.
 
Auf den ersten Blick hat ein Entwicklungsschema, das eine Bewegung vom Mythos, der Erzählung vom Wirken menschenähnlich vorgestellter Götter, Dämonen und Helden zur Erklärung der Weltordnung, hin zu einem zunehmend rationalen Denken annimmt, einiges für sich. Die unangefochtene Autorität, die der Mythos in der Zeit Homers noch zu haben scheint, wird vom 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. an mehr und mehr zurückgedrängt; an die Stelle der Götter- und der Weltentstehungsmythen ist zur Zeit der Sophisten im späteren 5. Jahrhundert und der klassischen griechischen Philosophie im 4. Jahrhundert - zumindest in den intellektuell führenden gesellschaftlichen Schichten - ein weit reichendes Vertrauen in die Zuverlässigkeit der vernünftigen Argumentation getreten; damit ist die Hinwendung zum Logos, die systematische Begründung der Naturphänomene eingeleitet.Viele Altertumsforscher weisen nicht zu Unrecht darauf hin, dass sich die Anfänge dieser Entwicklung bereits im Werk des Dichters Hesiod im 7. Jahrhundert v. Chr. andeuten. In seiner »Theogonie« (= Götterentstehung) konzipiert er eine Stufenfolge der Götter- und Weltentstehung, die mit den überlieferten Stoffen bereits recht frei umgeht und die verschiedenen Motive zu einer in sich stimmigen Erklärung des Kosmos anordnet. Wenn Dichter wie Hesiod nach der Entstehung und dem Ursprung der Welt fragen, dann kündigt sich darin offensichtlich die philosophische Frage nach Begründungen und Abhängigkeitsverhältnissen an, wie sie dann in nicht mehr mythologisch erzählender Form erstmals von den milesischen Naturphilosophen Thales, Anaximander und Anaximenes gestellt wird.
 
Schon Platon und Aristoteles weisen darauf hin, dass die These des Thales, das Wasser sei der Ursprung aller Dinge, durchaus mit der dichterischen Aussage Homers, Okeanos sei der Erzeuger der Götter, vergleichbar sei. Dennoch lässt sich an einem Vergleich von Homer und Thales klar machen, worin der unterstellte Unterschied zwischen mythologischem und rationalem, begründendem Denken besteht: Anders als bei Homer wird die Ursubstanz bei Thales nicht zu einer göttlichen Gestalt personifiziert; die Ursächlichkeit des Wassers wird nicht länger in Analogie zu einer verwandtschaftlichen Beziehung erklärt. Schließlich kann - wenn uns die antiken Berichte in diesem Punkt nicht täuschen - Thales seine Vermutung an verschiedenen Beobachtungen, wie der Feuchtigkeit der Nahrung und des Samens und ähnlichem, festmachen und braucht sich nicht auf die Autorität der Überlieferung zu berufen.
 
Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg vom »Mythos zum Logos« stellt sicherlich das Lehrgedicht des Parmenides dar. Die Denker vor ihm hatten unterschiedliche Stoffe zur Ursubstanz erhoben, ohne ausdrücklich nach den Bedingungen zu fragen, die eine solche Substanz der Welt erfüllen muss. Parmenides untersucht erstmals solche Bedingungen, indem er argumentiert, dass das, was ist, ganz und gar sein muss und nicht mit dem Nicht-Seienden vermischt sein kann. Aus dieser elementaren Unterscheidung zwischen »sein« und »nicht-sein« leitet er die Merkmale des Seienden ab, etwa dass es unentstanden, unvergänglich, unveränderlich, unbeweglich sein muss. Alle diese Überlegungen lassen sich, wie er selbst sagt, durch den »Logos«, die Vernunft, nachvollziehen und brauchen sich nicht auf die in seinen Augen »trügerische« Erfahrung zu verlassen.
 
Volle Realität kommt daher auch nicht den vergänglichen und veränderlichen Gegenständen der sinnlichen Wahrnehmung, sondern allein dem Objekt des Denkens zu: »... was nicht ist, kannst du weder denken noch kannst du es sagen.« Auch wenn die erfahrungsfreie Begründung des Seienden bei Parmenides am Ende auf die paradoxe Folgerung hinausläuft, dass die uns umgebenden, vergänglichen Dinge gar nicht im eigentlichen Sinn des Wortes »sein« können, so beeindruckt doch die Konsequenz, mit der sich Parmenides an die Überzeugungskraft des folgerichtigen Denkens hält. Sucht man Spuren für eine Emanzipationsbewegung der Vernunft in der griechischen Philosophie, dann stellt die parmenideische Entdeckung eines ureigenen Objekts des Denkens natürlich einen entscheidenden Schritt dar.
 
Die klassische griechische Philosophie von Platon und Aristoteles markiert den Höhepunkt in der Entwicklung »vom Mythos zum Logos«. Dabei spielt das Erbe des parmenideischen Vernunftvertrauens eine wichtige Rolle, wenngleich dem gesunden Menschenverstand widersprechende Paradoxien seines Systems vermieden werden sollen. Ein zentrales Motiv bei Platon bildet nämlich der Gedanke, dass die sinnliche Wahrnehmung nicht die höchste Form des Erkennens sein und dass die sinnlich erfahrbare Realität nicht die einzige und die vollkommenste Realität sein kann. Wie bei Parmenides, so kommt auch bei Platon die eigentliche Wirklichkeit nicht den vergänglichen Dingen der Sinneswelt, sondern den unvergänglichen Objekten des Denkens zu, die unter der Bezeichnung »Ideen« Berühmtheit erlangten. Auch Platon sagt von den Ideen, dass nur sie vollkommen erkannt werden können, weil nur das (vollkommen) erkannt werden kann, was auch vollkommen seiend ist. Wenngleich Aristoteles Platons Lehre von den Ideen kritisiert, richtet sich auch für ihn Erkenntnis auf das Wiederkehrende und Allgemeine am einzelnen Gegenstand: Wir sehen einen individuellen Menschen wie etwa Sokrates, aber wissenschaftliche Erkenntnis können wir über Sokrates nur dann erlangen, wenn wir ihn zugleich als ein Beispiel eines allgemeinen und definierbaren Begriffs - des »Menschen«, des »Lebewesens« - betrachten. Auch Aristoteles bleibt daher insoweit Platoniker, als er den Allgemeinbegriffen als Gegenständen des Denkens eine gewisse Realität zugesteht.
 
Freilich wäre es zu kurz gegriffen, den Beginn der Philosophie lediglich in einer Entmythologisierung und Entpersonalisierung des bisher nur bildhaft Gesagten zu verstehen. Denn bildhafte Darstellungsmomente spielen auch in der Philosophie noch lange Zeit eine wichtige Rolle. Ein viel wesentlicherer Zuwachs an vernünftiger Argumentation dürfte hingegen mit der Bereitschaft verbunden sein, vernünftige Gründe für die eigene Konzeption anzuführen. In ähnlicher Weise wie der vorsokratischen Philosophie hält man der »nachklassischen Periode« häufig vor, sie habe die Rationalitätsstandards von Platon und Aristoteles nicht mehr erreicht, habe dogmatische Schulstreitigkeiten ausgefochten und sei im Lauf der Zeit in religionsähnliche Denkformen zurückgefallen. Eine solche Kritik bedarf jedoch einer differenzierten Antwort.
 
Wenngleich die hellenistische Zeit (etwa 300 v. Chr. bis 1. Jahrhundert v. Chr.) von Schulkontroversen vornehmlich zwischen Stoikern, Epikureern und Skeptikern geprägt war, wobei generell der Schwerpunkt auf der praktischen Philosophie lag, der richtigen Technik, ein glückliches Leben zu führen, hat die hellenistische Philosophie einige selbstständige theoretische Leistungen hervorgebracht. Hierzu zählen die stoische Logik - es handelt sich um die erste Aussagenlogik der Philosophiegeschichte -, die stoische Erkenntnistheorie, die Zueignungslehre sowie die Tradition der Skepsis.
 
Um die Zeitenwende kommt es zu bedeutenden Werkausgaben, darunter der Herausgabe der Werke Platons durch Thrasyllos und zur Aristoteles-Ausgabe des Andronikos von Rhodos. Diese Werkausgaben bilden die Grundlage der Kommentare in der Zeit des mittleren Platonismus (Philon, Gaios, Alkinoos, Apuleius) oder des Aristotelikers Alexander von Aphrodisias, womit überhaupt erst die Grundlage einer die Antike überdauernden philosophischen Tradition geschaffen ist.
 
In der römischen Kaiserzeit (ab 200 n. Chr.) standen esoterische Mysterienkulte und orientalische Erlösungsreligionen außerordentlich hoch im Kurs. Hans Jonas ging daher soweit, der Spätantike insgesamt das Prädikat »gnostisch« (= in der Gottesschau nach Erkenntnis suchend) zuzuweisen. Tatsächlich liegt es nahe, aus zeitgeschichtlichen Phänomenen wie Zauberei, Okkultismus und Spiritualismus auf einen angeblichen Verfallscharakter der nun stark metaphysisch orientierten Philosophie zu schließen. Dieser Eindruck täuscht allerdings. Bei näherem Hinsehen erweisen sich zumindest die Hauptvertreter des Neuplatonismus, Plotin, Porphyrios und Proklos, als metaphysische Systematiker in der Tradition der platonischen Akademie. Der Platonismus der Kaiserzeit stellt zudem den Versuch dar, die Philosophie Platonsmit anderen Traditionen, nämlich mit aristotelischen, neupythagoreischen und stoischen Lehrelementen, zu einem stringenten philosophischen System zu verbinden. Nach ihrer Selbsteinschätzung verteidigen die neuplatonischen Philosophen hierbei gerade die griechische Tradition der Rationalität. Charakteristisch für das philosophische Selbstbewusstsein der spätantiken Neuplatoniker ist das Resümee, mit dem Plotin seine Argumentation gegen die Gnostiker zusammenfasst: »Das andere überlasse ich euch, beim Lesen selbst zu prüfen und überall vor allem auf das eine zu achten, dass die Art des Philosophierens, welcher wir nachgehen, außer all ihren anderen Werten auch eine Schlichtheit des Charakters verbunden mit reinem und klarem Denken auszeichnet, da sie es auf Würde, nicht auf Überhebung absieht und die Kühnheit ihres Denkens vielfältig sichert durch Behutsamkeit und ausgedehnte Umschau. ..; um die Lehre jener anderen ist es in allen Stücken ganz entgegengesetzt bestellt, darum möchte ich nichts weiter dazu sagen.«
 
Dr. Christoph Horn/Dr. Christof Rapp

Universal-Lexikon. 2012.

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